Migration: Deutschländer oder Ausländer?

Aktualisiert: 29. Aug. 2021



Ich habe mich vor einigen Monaten mit einer Frau unterhalten. Die Unterhaltung war sehr anregend und interessant. Wir haben über alles mögliche gesprochen, wie Filme, Musik, Studium und Politik. Als sie meinen Namen hörte, haute sie eine Frage raus, die mich in dem Moment so überraschte, dass ich kurz anhalten und nachdenken musste: "Du sprichst aber sehr gut deutsch! Wo hast du das den gelernt?" Diese Frage kenne bestimmt viele von euch. Immer wenn ich diese oder ähnliche Fragen höre, die mich fühlen lassen, das ich nicht wie sie sind, kommt eine Wut in mir hoch. Ich führe einen virtuellen Dialog in meinem Kopf, der ungefähr so aussieht: "Was ist denn das für eine bescheuerte Frage! Ich bin doch hier geboren und aufgewachsen. Ich bin hier zur Schule gegangen, habe deutsche Freunde und einen deutschen Abschluss. Ja sogar die deutsche Staatsangehörigkeit! Also? Was hast du bitte, was ich nicht habe, dass du glaubst, mein deutsch müsste schlechter sein als deins!" Aber natürlich sagte ich diese Worte nicht. Denn wenn ich das täte, wäre ich ja die "temperamentvolle Türkin, die sich aggressiv verhält". Ich habe sie einfach nur angelächelt und gesagt, dass ich gerne Bücher lese. Die Antwort hat mich echt unzufrieden gemacht. Ich fragte mich, warum denn so viele in Deutschland diese Einstellung hatten. Doch dann erinnerte ich mich plötzlich, dass das nicht nur in Deutschland so ist. Immer wenn ich im Sommer in die Türkei fahre bzw. fliege, werde ich dort genauso ausgegrenzt. Das fängt schon mit der Begrüßung: "Hey, der Deutschländer ist ja da" an. Beide Länder lassen mich fühlen, dass ich weder dahin noch dahin hingehöre. In den 30 Jahren meines Lebens, die ich hier in Deutschland lebe und in dem ich jährlich Urlaub in meiner Heimat mache, ist mir nun eins klargeworden: Egal wie sehr wir uns integrieren, wir werden in Deutschland immer Ausländer und in der Türkei Deutschländer sein!


 

Die Migrationsgeschichte Deutschlands

Migration prägt das heutige Deutschland seit seiner Besiedlung und ist älter als Deutschland selbst. Ein Umzug von Stuttgart nach Mannheim galt schon vor der Reichsgründung als Migration, weil die Gebiete in Königreiche und Großherzogtürmer eingeteilt waren. Eine Person kann aus verschiedenen Gründen migrieren. Die häufigsten waren und sind aber heute noch:

  • wirtschaftliche Gründe

  • Familiengründung

  • Lebensperspektive

  • Flucht vor politscher Verfolgung bzw. Krieg

Im Jahre 1910 stieg die Zahl der registrierten Ausländer im deutschen Reich von 206.000 auf 1,3 Mio. Gleichzeitig gingen 5 Mio. Deutsche Übersee (meist nach Amerika) entweder wegen Perspektivlosigkeit oder Abenteuerlust.

Nach dem ersten Weltkrieg (1914-1918) kam es zur transkontinentalen Migration (sich über einen ganzen Kontinent erstreckend) wegen Flucht und Vertreibung im Zuge der Neuverteilung der Gebiete. Dieses Ereignis wiederholte sich nach dem zweiten Weltkrieg und erreichte gleichzeitig einen Höhepunkt der staatlich verursachten Zwangsmigration. 600.00 jüdische Emigranten und ca. 30.000 politischer Emigranten verließen NS-Deutschland und 9 Mio. Menschen wurden aus Gebieten Osteuropas vertreiben. Nach dem Krieg befanden sich ca. 10-12 Mio. dispalced persons (Person, die nicht an diesem Ort beheimatet ist) in Deutschland, die bis 1947 im Rahmen von Resettlement-Programmen (Resettlement: englisch für Umsiedlung) umgesiedelt wurden (USA, Großbritannien, Frankreich, Kanada). Zwischen 1946 und 1961 wanderten bis zum Mauerbau ca. 800.000 Deutsche aus und 3,1 Mio. Menschen wanderten ein. 500.000 Menschen zogen gleichzeitig von West- nach Ostdeutschland. Schon damals waren migrationsbezogene Diskussionen umstritten und DDR-Flüchtlinge wurde nachgesagt, sie seien keine "echten" Flüchtlinge, sondern kämen aus egoistisch wirtschaftlichen Gründen in die BRD. Der an dem Wirtschaftaufbau anknüpfende wirtschaftliche Boom brachte großen Arbeitskräftebedarf hervor, die bis in die 60-er durch Zuwanderung aus der DDR und Aussiedlern befriedigt wurde. Als aber gut ausgebildete Facharbeiter wegzogen, wurde der Arbeitskraftmangel in Deutschland im größer.

Landwirte und Unternehmen beschäftigten Arbeiter aus dem Ausland. Diese Form gewann zunehmend an Bedeutung und es wurden Anwerbeabkommen mit mediterranen Ländern abgeschlossen. Die Zahl der beschäftigten Ausländer in Deutschland stieg im Jahre 1954 von 73.000 auf 329.000 und erreichte einen Zahl von 1,2 Mio. im Jahre 1965. Zur der Zeit waren 1/3 der Beschäftigten Gastarbeiter. Das wichtigste Prinzip dieses Abkommens war, dass Migranten für einige Jahre arbeiten und dann mit dem gesparten Geld zurückkehren sollten, um neuen Arbeitskräften Platz zu machen. Anfangs funktionierte das auch: Ende 1950 und Anfang 1970 kamen 14 Mio. Migranten nach Deutschland, von denen 11 Mio. zurückgingen. Aber dieses Prinzip war nicht gesetzlich geregelt und mit der Zeit verlängerte sich der Aufenthalt der Migranten in Deutschland. Sie begannen auch ihre Familien nachzuholen.

Dies führte zu Einwanderungssituationen, denen nicht mit Integrationsmaßnahmen entgegnet wurde. Stattdessen wurde Stimmen lauter, die meinten, dass dieser Anwerbestopp eine Belastung sei. Durch den politischen Druck kam es in den 70-ern zum Anwerbestopp. Allerdings führte der Anwerbestopp nur zur Einstellung der Arbeitskräfte aber nicht zum vollständigen Stopp. Deutschland fügte sich somit in zwei gegensätzliche europäische Muster ein: einerseits stoppte es mit den anderen europäischen Staaten die Neuanwerbung von Ausländern oder schränkte die Zugangsmöglichkeiten zu den Arbeitsmärkten für nicht-westliche Außereuropäer ein. Andererseits hatte das Freizügigkeitsgesetz in Deutschland eine Wirkung auf die ausländischen Beschäftigten: während der Anwerbestopp keine Auswirkungen für bspw. italienische Gastarbeiter hatte, mussten sich türkische und jugoslawische Gastarbeiter entschieden, ob sie bleiben und ihre Familie nachholten oder zurückgingen. Da viele sich entschieden, zu bleiben, förderte dies die familiären Migration.

Der Zerfall der Sowjetunion Ende 1989 führte zu erneuten Migrationsbewegungen, da immer mehr DDR-Bürger illegal in den Westen reisten. Gleichzeitig war dies auch ein Transitweg für Migranten aus anderen Teilen der Welt (meist Osteuropa). Zwischen 1988 und 1993 gab es inzwischen 3,7 Mio. eingewanderte Migranten in Deutschland. Die Verleugnung Deutschlands, kein Einwanderungsland zu sein, führte zu schweren politischen Auseinandersetzungen, die Anfang der 90-er in rassistische Gewalttaten mündeten (z.B. NSU-Fall, Brennen von Flüchtlingsheimen). Als Ende des 20. Jh. Deutschland sich seiner Einwanderungsgeschichte stellte, kam es zur Reformation des Staatsangehörigkeitsgesetztes, die in Deutschland geborenen Nachkommen der Einwanderer die Einbürgerung erleichterte und es wurde ein neues Migrationsrecht durch eine Kommission erarbeitet.



Migration in Deutschland und der Türkei heute

Aktuell leben ca. 3 Mio. türkischstämmige Personen in Deutschland, von denen die Hälfte eine deutsche Staatsangehörigkeit haben. Aber wenn man sich die Statistiken der Datenreporter 2016 anschaut, sieht man das die Integration, Vielfalt und Gleichheit nur eine formale Angelegenheit ist, obwohl jeder 4. in Deutschland einen Migrationshintergrund hat. Datenreporter hat herausgefunden, dass 1/3 der türkischstämmigen Personen weniger als 60% des mittleren Einkommens verdienen als andere Personen mit Migrationshintergrund (Osteuropäer 21%, Südwesteuropäer 18% und Jugoslawien 11%). Somit tragen sie das größte Armutsrisiko unter den Migranten. Außerdem sind türkischstämmige Personen weniger erfolgreich als Zuwanderer aus anderen Ländern. Zuwanderer aus der Türkei werden oft wie Gäste behandelt und dementsprechend haben sie es schwerer einen guten Job oder Beruf zu ergattern. Die Chancenungleichheit führt zum Sinken der Motivation, was Erfolgslosigkeit zur Folge hat.

Aussiedler z.B. aus osteuropäischen Staaten fassen schneller wirtschaftlich Fuß in Deutschland als Zuwanderer der Türkei. Sie erhalten im Schnitt 13% mehr Haushaltseinkommen. Der ausschlaggebendste Fakt, dass Zuwanderer aus der Türkei benachteiligt werden ist, dass Aussiedler, die sich in Deutschland niederlassen, eher als Deutsche gesehen werden als Zuwanderer aus der Türkei. Obwohl die Aussiedler (z.B. Russlanddeutsche) wenig Bindung zum modernen Deutschland haben und genau wie die Zuwanderer aus der Türkei mit Integrationsproblemen sowie mangelnde Akzeptanz konfrontiert waren, werden sie eher als Deutsche gesehen (vgl. Welt).

Natürlich gibt es auch umgekehrt Diskriminierung seitens türkischstämmiger Personen. In einer Befragung von Jugendlichen des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen ist eine gewisse "Deutschenfeindlichkeit" zu erkennen. So berichtet z. B. die Gruppe der türkischen Jugendlichen häufiger von Übergriffen auf einheimische Deutsche. Allerdings konnte ebenfalls nachgewiesen werden, dass ein enger Zusammenhang zwischen eigenem gewalttätigem Verhalten gegenüber Deutschen und selbst erlebten Übergriffen aufgrund der Migrationsgeschichte besteht. Die türkischen Jugendlichen, die diskriminieren, haben also selbst Diskriminierungen erlebt

Darüber hinaus gibt es viele nachweisliche Untersuchungen, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund, vor allem aber türkisch- und arabischstämmige, Diskriminierungen und Benachteiligungen ausgesetzt sind. Dies bestätigt eine Studie von Mansel und Spaiser (2013). Die Gruppe wird in der allgemeinen Öffentlichkeit – unter der Kategorie "Türken", "Muslime" oder "Deutsch-Türken" – als eine einheitliche Gruppe wahrgenommen und stigmatisiert. Junge Muslime empfinden sich in ihrer kulturellen Identität häufig selber als halb deutsch und halb türkisch/arabisch etc.. Daraus ergibt sich für junge Menschen ein Identitätsdilemma, wenn sie weder als Deutsche noch als Türke/Araber Anerkennung erfahren. Als Konsequenz entsteht daraus Assimilierungsdruck (Anpassung, Angleichung), welcher einerseits die Normen, Werte und kulturellen Orientierungen der Elterngeneration in den Hintergrund rückt und auf der anderen Seite jedoch keine Anerkennung in der Mehrheitsgesellschaft garantiert.

Aus diesem Spannungsverhältnis kommt es zur Bildung einer negativen Identität. Minderwertigkeitsgefühle werden zu einem negativen Selbstbild verinnerlicht, und abweichendes Verhalten und Diskriminierung einer anderen Gruppe – Deutsche ohne Migrationshintergrund – wird zur Lösungsstrategie eines bewussten oder unbewussten Identitätskonfliktes. Kurz gesagt führt das zur Abgrenzung von den anderen und zur Abwertung der anderen, in diesem Fall der Mehrheitsgesellschaft.


In der Türkei dagegen sieht das nicht anders aus. Wenn wir dort in der Heimat ankommen, werden wir schon mit den Worten "Deutschländer" begrüßt. Auch wenn es ein Scherz sein soll, ist der abwertende Unterton oft nicht zu überhören.

Hinzu kommt, dass die Menschen dort alles finanziell von dir erwarten, weil sie denken, du musst reich sein. Sonst würdest du ja nicht in Europa leben. Bei vielen Deutsch-Türken hat sich ein Akzent in die türkische Sprache abgefärbt, wodurch man dich auf dem Markt schon rein sprachlich identifiziert und weiß, du bist nicht von hierher. Oft wird das ausgenutzt und du wirst als Deutsch-Türke über den Tisch gezogen beim Einkaufen.

Einige aktuell existierenden Klischees über uns sind z.B., dass wir sehr unkultiviert seien weil wir nicht mal die Sprache richtig beherrschen, wir kämen mit reiche Autos und sind deswegen reich und denken wir halten uns für was besseres, weil wir in Europa leben.

Nach 2 Wochen merkst du, dass du dich hier genauso unwohl fühlst und möchtest zurück nach Hause, zu deinen Freunden und in dein vertrautes Heim. Wir Deutsch-Türken fragen lange Zeit: Was bin ich jetzt? Türke oder Deutscher? Die Frage stellen wir uns bis wir sie endlich gefunden haben. Und zwar so, dass wir im reinen mit uns selbst sind.



Ich fasse nochmal zusammen: Aussiedler (z.B. Russlanddeutsche, Osteuropäer) werden vom ersten Tag an als Deutsche gesehen und mit allen Rechten und Pflichten ohne Abstiche ausgestattet. Die türkischstämmigen Zuwanderer dagegen werden bis heute im Kern als Gäste gesehen und auch so behandelt (deshalb auch der Streit, ob deren Glaube zu Deutschland gehört oder nicht). Ihre Zuwanderung wird temporär betrachtet und ihr Betrag zur deutschen Kultur kritisch gesehen bis ablehnend bewertet. Türkische Zuwanderer verdienen deswegen weniger und sind erfolgloser als Deutsche und andere Zuwanderer.

Des Weiteren werden türkische Zuwanderer häufiger diskriminiert als andere und es entsteht dadurch oft eine Gegenreaktion, die sich auch in Gewalt ausdrückt.

Die elterlichen Normen, Werte und kulturelle Orientierung sowie der Anpassungsdruck löst ein Identitätsdilemma aus und führt zur negativen Identitätsbildung. Dadurch entsteht ein Abwehrmechanismus - die Projektion, bei dem eigene, unerwünschte Impulse (Gefühle, Wünsche) einem anderen Menschen oder Gegenstand zugeschrieben werden. Kurz gesagt ist Projektion das Verfolgen eigener Wünsche in anderen.

In der Türkei werden türkische Aussiedler auch nicht als Türken akzeptiert, sondern als Deutschländer.



Konfliktlösung

Es gibt einige Lösungsansätze die das Problem zumindest mindern würde: Ich bin der Meinung, auch wenn Deutschland nicht Amerika ist (jeder mit amerikanischem Pass ist sofort waschechter Amerikaner), muss es endlich mal lernen uns selbst entscheiden zu lassen, was wir sein möchten oder nicht sein möchten. Eins ist klar: wir wollen nicht Ausländer sein. Wir müssen uns nicht entscheiden, ob wir Deutsche oder Türken sind. Wir können auch beides sein. Dieses Vorgehen, das Deutschland entscheidet wer dazugehört und wer nicht, führt dazu, dass wir uns das Dazugehören erarbeiten müssen. Oft funktioniert das gar nicht, egal wir hart man arbeitet. Diese löst eine Unzufriedenheit aus und treibt zu Verletzlichkeit. Diese Verletzlichkeit wird dann durch Anpassung, Aggression, Trotz oder Rückzug zum Ausdruck gebracht.

Deutschland muss auch akzeptieren, dass Wir keine Gäste sind, sondern Deutsche, die hier leben und leben werden. Wir sind schon die dritte Generation und hier geboren. Aus diesem Grund sind wir keine Migranten sondern zugewanderte Deutsche. Wer Zuwanderer wie Gäste behandelt, sollte sich nicht wundern, wenn sie sich auch wie Gäste verhalten und dann bspw. Erdogan wählen, weil sich sich emotional mit der Türkei verbunden fühlen. Als Gast pflegt man weder emotionale Hingabe zum Gastgeber (in dem Fall Deutschland), noch fühlt man ihm gegenüber unkündbare Loyalitätspflichten.

Bei Diskriminierung müssen Interventionen gegen Gewalt und die Integration von Deutschen mit (türkischem/arabischem) Migrationshintergrund zum einen an den sozialen Problemen allgemein ansetzen: Die Förderung einer positiven Identifizierung sowohl mit der deutschen als auch türkischen Kultur, einer Teilnahme am sozialen und wirtschaftlichen Leben sowie politische Bildung sollte das Ziel sein.