Feminismus: Revolutionäre Frauenbewegung!?

Aktualisiert: 29. Aug. 2021




Feministen sind nur Frauen, die Männer hassen, sie sehen die Frau dem Mann übergeordnet, sind alle lesbisch und streben die gewaltsame Ausrottung der Männer zum Fortschritt der weiblichen Emanzipation.

Man braucht heute kein Feminismus mehr, weil Frauen und Männer inzwischen in Deutschland und der Türkei gleichberechtigt sind! Sie können wie die Männer wählen, autonom entscheiden, mit wem sie, was für eine Beziehung eingehen und welchen Beruf sie nachgehen möchten.

 

Viele Menschen, die sich mit dem Feminismus nicht auskennen, würden ungefähr so den Feminismus definieren. Die stärkste Annahme über den Feminismus ist, dass sie männerfeindlich sei. Aber was genau ist den der Feminismus? Wie, wann und warum ist diese Bewegung entstanden und welche Absichten verfolgen FeministInnen?



Was bedeutet Feminismus?

Der Begriff Feminismus ist abgeleitet von lateinischem ´femina´ und bedeutet Frau. Das Wort -ismus dagegen stammt aus dem griechischen -isma. Die Endung bezeichnet eine Lehre oder ein System und bedeutet "auf eine bestimmte Art handeln, vorgehen."

Zusammengefasst kann man das Wort Feminismus als eine Bewegung bezeichnen, die von den Bedürfnissen der Frau ausgehend, eine grundlegende Veränderung der gesellschaftlichen Normen und patriarchalischen Kultur anstrebt. Diese Veränderungen betreffen z.B. die traditionellen Rollenverteilungen der Frauen und Männer, die wirtschaftlichen Verhältnisse zwischen Mann und Frau oder auch das Bild der Frau und ihre dementsprechende Stellung in der Gesellschaft (z.B. als Sexobjekt).




Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland


Frauen im Mittelalter: eine Männerwelt

Frauen aller Stände galten schon vor und während des gesamten Mittelalters als Menschen niederer Stände, die dem Mann untergeordnet waren. Sie hatten keine politischen oder anderen Rechte, deren Legitimation theologisch und philosophisch begründet wurde. Auch innerhalb der Frauen gab es Unterschiede. Eine adelige Frau oder Äbtissin (Vorsteherin eines Nonnenklosters) genoss einen höheren Stellenwert als eine Frau aus dem niedrigeren Stand. Den niedrigsten Stellenwert hatte eine Frau, die ledig war.

Sie hatten zwar Entscheidungsfreiheiten bezüglich der Wahl des Ehepartners, mussten jedoch die Zustimmung der Familie einholen, was bei einer Ablehnung wieder Einschränkungen mit sich brachte.

Bei der Erziehung und Verwaltung des Vermögens der Kinder war die Frau allerdings in ihrer Entscheidungsbefugnis eingeschränkt. Der Mann hatte alleinige Befugnis darüber. Er konnte auch seiner Frau etwas verbieten und entscheiden, ob und wann sie ihre Kinder sehen durfte.


Bei Ehebruch waren dagegen sowohl der Mann als auch die Frau legitimiert, sich scheiden zu lassen. Aber bei der Frau stand dieses Vergehen wiederum unter Strafe und beim Mann jedoch nicht.

Er durfte sich diesen Ausrutscher eher erlauben und hatte weniger Konsequenzen. Die schlimmste wäre die Scheidung seitens der Frau. Aber viele Frauen, die vom Ehebruch betroffen waren, schauten lieber weg, weil eine Scheidung für sie ein sozialer Abstieg bedeutete.

Neben den ganzen Einschränkungen, die eine Frau dulden musste, war es ihr auch verboten, sich im Interesse Dritter zu verpflichten. Sie durfte bspw. keine befreienden Schulden Dritter übernehmen oder ein Darlehen aufnehmen. Verpfänden oder jemanden bürgen durfte eine sie im Mittelalter ebenso nicht. Der Grund war, dass man Frauen als unerfahren und nicht rational denkend sah. Der Verbot sich im Interesse Dritter zu verpflichten galt übrigens auch für männliche Bauern und Soldaten.

Dies hatte aber auch ein Vorteil für Frauen. Wenn eine Frau nämlich jemanden etwas verpfändete, der einen höheren Wert hatte als die erhaltene Leistung, konnte sie oder ihr Ehemann das anfechten und wieder rückgängig machen, weil sie ja als nicht rational galt.

Ein Mann war neben all denn Rechten auch dazu berechtigt, seine Frau zu verstoßen und körperlich zu züchtigen.


Im Spätmittelalter (ca. 1300-1500) lebte 3/4 der Bevölkerung Preußens auf dem Land. Manche Frauen arbeiteten neben den häuslichen Pflichten auch bspw. als Tagelöhnerinnen, Handwerkerinnen oder waren in der Heimarbeit tätig, die eher zum Zweck der Existenzsicherung diente, weil die finanzielle Lage v.a. in niedrigeren bäuerlichen Familien sehr schlecht war.

Die Löhne waren oft sehr schlecht und niedriger als die der Männer. Im nördlichen Deutschland arbeiteten ca. 25% - 30% als Tagelöhnerinnen und mussten nebenbei noch das eigene Land wirtschaften. Trotz derselben Arbei bekam ein Frau als Lohn nur die Hälfte von dem, was ein Mann bekam.

Der Mann war das führende Geschlecht, während die Frau im Haus ihre Aufgaben fand. Sie leistete kaum Widerstand, da sie keine bis wenige Rechte hatte: sie hatte kein Wahlrecht, nur geringe Karrierechancen (nur mit Zustimmung des Ehemannes) und hatte einen geringen Status.



Erste Emanzipationsbewegungen

Erste Emanzipationsbewegungen der Frauen begannen im Zeitalter der Aufklärung (1715-1789), deren Grundgedanke die Gleichwertigkeit aller Menschen war. Zur der Zeit war das Wort Gleichwertigkeit ein Schimpfwort. Als die Bürgerlichen und Arbeiter gegen die Monarchie ankämpften, begannen die ersten Emanzipationsbewegungen der Frauen.

Männer aus niedrigeren Ständen begannen, politische und soziale Rechte gegen Könige und Feudalherren zu fordern. Zeitgleich begannen auch die Frauen, sich für ihre Rechte zu engagieren, was aber von den Männer verdrängt wurde. Es waren hauptsächlich wohlhabende Frauen, die im Zuge der Französischen Revolution für Frauenrechte kämpften. Sie hatten einfach die Zeit und das Geld, die die Frauen aus niedrigeren Ständen nicht hatten. Ärmere Frauen mussten alles selber machen im Haushalt und in der Erziehung. Einer der bekanntesten Verfechterinnen für Frauenrechte war Olympe De Gouge - eine Theater-Autorin, die mit extremer Diskriminierung konfrontiert war. Sie veröffentlichte die "Erklärung der Rechte der Frauen" und kritisierte darin, dass Revolutionäre nur Männerrechte in der Verfassung verankert haben. Sie wurde daraufhin wegen Forderung der Frauenrechte im Jahre 1793 hingerichtet.

In den 1830-er Jahren fingen nach Frankreich, England und den USA auch in Deutschland Frauen an, für ihre Rechte zu kämpfen, die zu dieser Zeit unter Vormundschaft ihrer Väter und Ehemänner standen. Das Aufbegehren der Frauen im Zeitalter der Aufklärung ließ erstmals in der Geschichte der Frauen ein feministisches Bewusstsein entstehen.



Frauen in der Industrialisierung: von der Landwirtschaft ins Büro

Mit dem Beginn der Industrialisierung (1830 und 1870) begannen Frauen auch in den Städten in Textil- und Tabakindustrien zu arbeiten. Ein Aufstieg war nur durch eine Heirat oder als Aufseherin in Textilindustrien möglich.

Unsere heutigen Rollenbilder sind gesellschaftlich vor allem durch die industrielle Revolution entstanden. Durch die Entstehung von Industrien entwickelt sich die Erwerbsarbeit, in der der Mann nun außerhalb des Hauses arbeitete und die Frau sich um den Haushalt und die Erziehung kümmerte. Man unterschied zwischen öffentlichem Raum, den der Mann verkörperte und privatem Raum, den die Frau verkörperte. Das der Frau die Erwerbstätigkeit abgesprochen wurde, wurde naturbedingt erklärt. Frauen wurden Eigenschaften wie Wärme, Selbstlosigkeit oder Fürsorge zugesprochen, während der Mann als stark, rational und handwerklich galt. Dies legitimierte die patriarchale Rolle der Männer in der Familie und ihre Erwerbstätigkeit. Mit der Zeit störten diese starren Bilder aber immer mehr Frauen, weshalb von Frauen gefüllte Bewegungen entstanden, die für mehr Rechte eintraten. Die erste große Welle erlangte die Frauenbewegung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die für höhere Frauenlöhne appellierte. Die Verbände forderten für die selbe Arbeit und Leistung auch denselben Lohn wie die der Männer. Das stieß aber bei den männlichen Gewerkschaftsvertretern auf Widerstand, da sie der Meinung waren, Frauen führen leichte Arbeit und müssen daher geringer entlohnt werden. Ein weitertes Argument war, dass Frauen geringere Bedürfnisse als Männer hätten, da sie keine Familie ernähren müssen wie Männer. Trotzdem erhielten Witwen oder allein erziehende Mütter, die ihre Kinder selbst ernähren mussten, nicht denselben Lohn wie die Männer.

Bis zur Jahrhundertwende (1896-1910) arbeiteten immer mehr Frauen in Büros, Warenhäusern oder als Beamtinnen im Telefondienst. Dieser Trend setzte sich fort und die Frauenbewegung stärkte sich zunehmend. Sie setzte sich im Kaiserreich auch sehr stark für bessere Frauenbildung ein. Vor allem für bürgerliche Töchter. Mit Erfolg: 1896 wurden Frauen erstmals für das Abitur zugelassen und im Jahre 1908 auch offiziell an Universtäten. Außerdem wurde ihnen im selben Jahr die Mitgliedschaft in eine Partei oder einem Verband erlaubt. Nach dem ersten Weltkrieg 1919 waren Frauen in Deutschland nun auch wahlberechtigt.



Frauen im 20. Jahrhundert: Akzeptanz

Die erste Frauenbewegung in Deutschland, deren Wurzeln bis weit in das 19. Jahrhundert zurückreichen, konnte eines ihrer wichtigsten Ziele umsetzen, als am 30. November 1918 das aktive und passive Wahlrecht für Frauen eingeführt wurde. Frauen erlangen damit erstmals eine staatsbürgerliche Gleichberechtigung. Bei den ersten Wahlen, wo auch Frauen wahlberechtigt waren, machten 90 % von ihrem Stimmrecht Gebrauch und 37 (10%) weibliche Abgeordnete zogen in die Nationalversammlung der Weimarer Republik.

Im Parlament forderten sie weitere Reformen der Frauenrechte auf dem Weg zur Gleichberechtigung, die in 1922 zur Einführung des Mindestlohnes und die Aufnahme der Heimarbeiterinnen in die Sozialversicherung, die Zulassung als Rechtsanwältinnen und Richterinnen zu arbeiten und im Jahre 1927 die Neureglung des Mutterschutzgesetztes führte.

Im Nationalsozialismus (1933-1945) wurde eine Frau wieder nur auf ihr Dasein als Mutter zurückversetzt. Die höchste Ehrung einer Frau war das Mutterkreuz. In diesem Zeitraum erlitt die Frauenbewegung einen Stillstand in ihrer Emanzipation.

Nach dem Ende der NS-Regierung 1945 erarbeitete das Parlament eine Verfassung, in dem nur noch vier Frauen vertreten waren. Durch die SPD-Politikerin Elisabeth Selbert wurde Artikel 3 "alle Männer und Frauen sind gleichberechtigt" in das Grundgesetz aufgenommen, das erst 1959 - neun Jahre später- umgesetzt wurde im Gleichberechtigungsgesetz. Nun hatte durch dieses Gesetz ein Mann nicht mehr das alleinige Entscheidungsrecht in allen Eheangelegenheiten.


Die zweite Welle der Frauenbewegung forderte in den 1960-er Jahren weitere Rechte - mit Erfolg. Seit 1962 dürfen Frauen ein eigenes Konto verfügen und der Schwangerschaftsabbruch ist teilweise straffrei seit 1976. Ein weiterer Erfolg ist bspw. die Erwerbstätigkeit der Frauen seit 1977 ohne die Erlaubnis ihrer Ehemänner oder auch der Verbot seit 1997, dass ein Mann seine Ehefrau in der Ehe vergewaltigen darf.

Heute haben Frauen seit der Geschichte der Menschheit die meisten Rechte und die meiste Anerkennung. Sie sind gesetzlich gleichberechtigt mit dem Mann, können frei entscheiden, welchen Beruf sie ausüben, welchen Partner sie wählen und wie sie ihr Leben gestalten.

In der Praxis sieht es aber oft anders aus.




Geschichte der Frauenbewegung in der Türkei



Frauen im Osmanischen Reich: Die erste Welle

Die erste türkische Frauenbewegung gab es schon vor der Gründung der Türkei im Osmanischen Reich. Die osmanische Staatsführung wollte, dass Frauen sich bilden, um die Stellung des Staates wirtschaftlich und sozial zu verbessern. Der Staat zielte dabei auf die traditionelle Rolle der Frau als Mutter und Ehefrau und gründete 1869 erste berufsbildende Schulen für Frauen, wo sie zur Krankenschwester oder Lehrerin ausgebildet wurden. Die Bildungspolitik brachte so intellektuelle Frauen hervor, die sich in Wohltätigkeitsvereinen und Frauenzeitschriften gruppierten, um Einfluss an öffentlichen Debatten über ihre Stellung als Frau zu nehmen. So begannen Frauen sich im späten 19. Jahrhundert und frühen 20. Jahrhundert öffentlich mit ihrer politischen und gesellschaftlichen Stellung auseinanderzusetzten. Dies war die erste Welle der türkischen Frauenbewegung. Sie forderten Zugang zu universitären Bildungsinstitutionen, die Verbesserung der zivilrechtlichen Stellung der Frau und die Aufhebung der Polygamie (Vielehigkeit). Inspiriert von der Revolution und der Aufhebung von Vereinsgründungen sowie der Pressezensur, traten sie mit ihren Forderungen an die Öffentlichkeit. Die Frauenfrage nahm eine zentrale Stellung in dieser Epoche des Osmanischen Reichs.



Frauen zur Gründungszeit: Kampf ums Dasein

Fatma Aliye Toplu war die erste weibliche Schriftstellerin der türkischen Literaturgeschichte seit der Gründung der Türkei 1923. Gleichzeitig war sie eine bekennende, konservative Frauenrechtlerin, die für die Modernisierung des Systems eintrat. Sie war der Meinung, in der islamischen Gesellschaft ist die rechtliche Gleichstellung der Frau möglich und an Geschlechterungleichheiten sei nicht der Glaube, sondern die patriarchale Unterdrückung schuld.

Mit der Gründung der Replik Türkei gründete Neziye Muhiddin (1889-1958) -eine Frauenrechtlerin und Journalistin - die Frauenpartei im Jahre 1923/24 und forderte das Wahlrecht sowie das Recht, dass Frauen als Nationalrätinnen kandidieren. Jedoch wurde die Frauenpartei von der kemalistischen Partei als zu radikal empfunden und verboten. Daraufhin gründete Muziye den türkischen Frauenverein und versuchte bei den ersten Wahlen mit einem feministischen Mann zu kandidieren, um ihre politischen Ziele zu erreichen. Dieser trat jedoch wegen Verhöhnung zurück.

Als letztes gründete Muziye mit anderen Frauen die TKB (Türkische Frauenunion) und stellte erneut politische Forderungen. Schließlich wurde auch diese von der kemalistischen CHP geschlossen, weil man Angst vor einer Radikalisierung und Unkontrollierbarkeit hatte (1000 Frauen waren inzwischen Mitglied und es gab Filialen in vier Städten).

Muziye hatte somit die Hoffnung auf Gleichberechtigung verloren und zog sich zurück. Die Gründung der Frauenpartei und die Gründung der TKB waren die letzten Versuche der Frauen, sich zu emanzipieren, die durch die osmanische Frauenbewegung mobilisiert wurde.

Stattdessen hat sich der Staatsfeminismus in der Türkei in Form kemalistischer Modernisierung etabliert, der die Frauenbewegung nur im Sinne einer Hilfsorganisation betrachtete.


Aber einige der Forderungen hatte die erste Frauenbewegung erreicht. Ab 1924 galt nun die Schulpflicht für Jungs und Mädchen gleichermaßen. Durch Reformen des Zivilgesetzbuches wurde ab 1926 die Polygamie verboten und die Zivilehe wurde als norm anerkannt, die den Frauen das Scheidungsrecht und die Vormundschaft anerkannte. Die politischen Rechte etablierten sich 1930, wo Sadiye Ardahan in der Stadt Artvin am Schwarzen Meer als erste weibliche Bürgermeistern ihren Amt antrat und sogar vom Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk (1981-1938) geehrt wurde. Das Wahlrecht führte die Türkei im Jahre 1934 vor Italien (1949), Frankreich (1944) und der Schweiz (1971) noch ein.


Kommentar:
1934 führte die CHP das Wahlrecht für Frauen ein. Dieses Ereignis wird heute als politische Emanzipierung der Frauen von "oben" interpretiert. Jedoch muss hier eingewendet werden, dass Frauen schon seit 1908 - also noch vor der Gründung der Republik Türkei - ihr Wahlrecht forderten. Deswegen ist dieses Ereignis auch nicht eine von "oben" erteilte und erhaltene Freiheit der Frau, sondern ein Recht, was zu spät gekommen ist.

Achtzehn Frauen (4,6%) wurde nach den ersten nationalen Parlamentswahlen in 1935 in die große Nationalversammlung gewählt - die bis 1999 nicht überschritten wurde.

Um seinen Volk zu zeigen, wie die moderne türkische Frau sein sollte, adoptierte Atatürk zahlreiche Mädchen, um ihnen eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Die bekannteste unter ihnen ist die erste Kampfpilotin der Welt Sabiha Gökcen. Sie agierte in zahlreichen Operationen der türkischen Luftwaffe und wurde zur Leitfigur der jungen Türkinnen ihrer Zeit.

Die rechtliche Gleichberechtigung ermöglichte den Frauen die Teilhabe und Sichtbarkeit am öffentlichen Leben.



Frauen in den 70-ern und 80-ern: Die Rückkehr

Bis in die 1970-er Jahre ist die Frauenbewegung für lange Zeit in den Stillstand geraten. Zwar ist in den 60-er Jahren von starken linken Bewegungen und Demokratiebewegungen die Rede, aber nicht von Frauenbewegungen. Erst nach 1980 bekam die Frauenbewegung wieder eine wichtige politische Funktion. Nach dem Militärputsch 1980 kam es zu großen Verhaftungswellen gefolgt von Unterdrückung der sozialen Bewegungen - u.a. der Frauenbewegung.

Viele Aktivistinnen waren durch den Putsch in Haft, lebten im Exil oder waren wegen starker Repression untätig. Also begannen die Frauen, sich nun in Wohnungen zu treffen und über feministische Literatur zu diskutieren. Diese Diskussionsrunden bezeichneten sie selbst als Bewusstseinserhöhungsgruppen. Sie tauschten ihre Erfahrungen untereinander aus und reflektierten die Geschichte der Frauenbewegung aber auch die der Republik. Die Bewusstseinserhöhungsgruppen verbreiteten sich schnell in vielen Großstädten aus und waren erst als Lesekreise und Diskussionsgruppen organsiert.

Kurze Zeit später gründeten sie die feministische Zeitschrift "Somut". Die wichtigste politische Aktivität, die in den Diskussionsgruppen und Zeitschriften geführt wurde, war die Thematisierung von Gewalt. Sie war aus zwei Gründen sehr wichtig:

  1. Militärputsch und die dadurch ausgeübte physische und politische Gewalt

  2. Gewalt in der Privatsphäre, die bis zu dem Zeitpunkt nicht beachtet wurde

Die sexuelle Belästigung auf der Straße, Arbeit aber auch in der Familie wurde zum ersten Mal mit der Thematisierung von Gewalt angesprochen. Im Zuge der Anti-Gewaltproteste bekämpfte die feministische Bewegung auch Gesetzte, die die Erwerbstätigkeit der Frau ihrem Ehemann/Vater überließ bzw. den Mann als Oberhaupt bezeichnete. Davon beeinflusst kam die 2. Welle der Frauenbewegung, die bis dahin hauptsächlich aus Frauen bürgerlicher Familien und Eliten bestand. Die Erwähnung von Gewalt war eine Patriarchkritik an den Staat aber auch an die Gesellschaft und eröffnete einen neuen feministischen Diskurs, an der sich auch Hausfrauen und Frauen aus sozial schwächeren Milieus beteiligten. Der Grund der Beteiligung war die Antigewaltpolitik, die viele Frauen kannten und sich so mit der Bewegung identifizierten.

Diese neue Dimension und das Erreichen einer breiten Mittelschicht sorgte dafür, dass

die Frauenbewegung nicht länger als Teil einer Modernisierungsbewegung agierte, wie die erste Welle, sondern als eine politische Bewegung, die Patriarchkritik sowohl an Staat also auch an gesellschaftlichen Institutionen und linken Bewegungen übte.



Frauen in den 90-ern: Die Spaltung

Gefolgt von der 2. Welle kam die 3. Welle Mitte der 90-er Jahre. Sie setzte erfolgreich politische Forderungen durch, wie z.B. die Aufhebung der Strafmilderung im Falle einer Vergewaltigung einer Prostituierten, die Aufhebung des Passus, dass der Mann der Oberhaupt der Familie ist und die Aufhebung der Erlaubnis des Ehemannes bei Erberbstätigkeit der Frau.

Die 3. Welle konstituierte sich auf der Grundlage der 2. Welle und ist heute immer noch aktiv. Allerdings unterscheidet sie sich in einem politisch wichtigen Merkmal von der 2. Welle der Frauenbewegung: Die Differenz und Identität der Frau steht nun im Vordergrund (religiöse und ethnische Identitäten). Das heißt, es gibt eine Polarisierung zwischen den kemalistischen Frauen einerseits und den kurdischen und islamischen Frauen andererseits.

Die kurdische Frauenbewegung entstand im Zuge der 90-er Jahre. Ihre zentralen Themen sind die ethnische Fragestellung, der Krieg der Türkei mit der PKK und ihre demokratischen Rechte als Kurdinnen. Sie waren auch stark innerhalb der DTP (verbotene Partei seit 2009) aktiv und die meisten unterstützen die PKK (als Terrororganisation von der Türkei, Europa und den USA eingestuft und verboten).

Das zentrale Thema der islamischen Frauenbewegung dagegen ist die Aufhebung des Kopftuchverbots an Universitäten (erlaubt seit 2010) und die Zulassung zu Ämtern und ins Parlament mit dem Kopftuch. Der Kopftuchverbot wurde heftig seit den 90-er in der Öffentlichkeit diskutiert, die sich in Demonstrationen und Protestakten äußerten. Teilweise wurden diese Frauen auch von den kemalistischen Frauen und auch von den Kemalisten selbst als Militante der islamischen Bewegung beschuldigt, die den Laizismus in der Türkei bekämpfe wollen. Von anderen wiederum wurde die islamische Frauenbewegung als neuer Akteur der Demokratiebewegung betrachtet.

Die kemalistische Frauenbewegung ist seit den 1990-ern durch die ethnische Fragestellung gegen den Separatismus (Kurdinnen) und auch durch die religiöse Fragestellung gegen die "schleichende Islamismusgefahr" wieder aktiv. Innerhalb dieser Bewegung gibt es aber auch andere Antworten auf die Kopftuchfrage. Die Initiative "Birbirimize sahip cikiyoruz" wurde in 2008 von Frauen gegründet, die in der Kopftuchfrage die Frau selbst entscheiden lässt, wie sie sich anzuziehen hat.

Trotz der Differenzen gibt es auch Gemeinsamkeiten der Frauenbewegungen:

  • die Thematisierung von Gewalt und die Benennung des privaten als politisches

  • die Gründung und die staatliche Förderung von Frauenhäusern

  • die Forderung von mehr Frauen im Parlament (40%-Frauenquote)




Vergleich



Frauen in Deutschland und in der Türkei heute

Frauen in Deutschland und in der Türkei sind heute trotz der vielen Modernisierungsprozesse und Erfolge der Frauenbewegungen nicht gleichberechtigt. Die Türkei ist aktuell in der Gender Gap Studie der WWF auf Platz 70 (65,2%) von insgesamt 140 Staaten (erforscht in den Bereichen: Politische Repräsentation, Bildung, Gesundheitsversorgung und wirtschaftliche Beteiligung). Obwohl Artikel 10 der türkischen Verfassung vorschreibt, dass Frauen und Männer gleichberechtigt sind, ist es in der Praxis nicht der Fall.


Deutschland dagegen ist auf Platz 10 bei Gleichberechtigung, was 86,2 % ausmacht. Auch Deutschland ist noch lange nicht da angekommen wo es sein müsste. Trotzdem sind die Frauen in Deutschland viel besser dran als die Frauen in der Türkei. Den ersten Platz belegt Dänemark mit 89,3 %. Ein Land, welches exzellent abschneidet, gibt es leider nicht aktuell. Der Grund? Es gibt viele Gründe dafür, warum Frauen heute immer noch benachteiligt werden und warum es keine hundertprozentige Gleichberechtigung auf der Welt gibt. Die vier wichtigsten Gründe dafür sind sowohl in Deutschland als auch in der Türkei:

  • traditionelles Frauenverständnis

  • Sexismus

  • Wirtschaft

  • Angst vor übler Nachrede.


In den nächsten Beiträgen der Kategorie Feminismus werde ich diese vier Aspekte genauer unter die Lupe nehmen und euch veranschaulichen, wie es dazu kommt, warum es dazu kommt und welche Rolle Frauen dabei spielen. Der nächste Beitrag zum Thema Feminismus wird am 27.09.2020 sein.


 

Ich hoffe, euch hat mein erster Beitrag gefallen. Ich wollte den Feminismus an sich mal näher darstellen, weil es darüber noch viele Unverständlichkeiten und Vorurteile gibt und es schlau wäre die Kategorie an sich mal zu beleuchten.

Für Fragen, Anmerkungen, Lob oder auch Kritik freue ich mich immer. Schreibt unter dem Beitrag einen Kommentar oder kontaktiert mich über die Leiste Kontakt.

Auch für Ratschläge, Ideen oder Tipps bin ich offen, da dies mein erster Blog und Betrag ist.

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